Wie Geschwister unsere Persönlichkeit beeinflussen


Familie, Wachsen / Freitag, Dezember 22nd, 2017

Grafik, der Einfluss unserer Geschwister auf unsere Persönlichkeit

Weihnachten steht vor der Tür. Die Zeit im Jahr, in der man tagelang mit der Familie auf engstem Raum verbringt und sich fragt, wie aus einem eigentlich ein halbwegs anständiger Mensch werden konnte, bei diesem Haufen von Verrückten um einen herum.

Letztens habe ich wieder gelesen, die Geschwisterbeziehung ist die längste Beziehung unseres Lebens. Für mich war es an der Zeit, darüber nachzudenken, wie Geschwister eigentlich unsere eigene Persönlichkeit prägen bzw. auch die Abwesenheit jener, wenn man Einzelkind ist.

  • Wie stark wird unser Charakter durch unsere familiäre Rolle bestimmt?
  • Wie wird er beeinflusst durch Geschlechter und Altersunterschiede?
  • Was für eine Auswirkung haben unsere Geschwister auf unsere spätere Partnerwahl?
  • Und stimmen die ganzen Vorurteile?

Wie ihr wisst, bin ich die älteste Schwester von zwei Brüdern. Wir sind jeweils 4 Jahre auseinander, das heißt mein kleinster Bruder ist 8 Jahre jünger als ich. Dadurch habe ich natürlich ab meinem (4. bzw.) 8. Lebensjahr viele Aufgaben übernehmen müssen, um meine Eltern zu entlasten. Ich habe die Jungs nach dem Hort aus dem Kindergarten abgeholt, mit Ihnen Hausaufgaben gemacht und sie zu Kindergeburtstagen begleitet.

Die „große Schwester“ ist meine Rolle in der Familie, aber auch im Leben. Ich bin immer diejenige, die alle kranken WG-Bewohner mit Medikamenten versorgt und bei der sich jeder ausheulen kann.
So bin ich einfach. Ich stelle mir die Frage, ob die Geburtenfolge der Grund für meinen Charakter ist oder ob es andere Faktoren gibt, die meine Persönlichkeit gebildet haben.

Vorurteile

Der allgemeinen Meinung nach ist es doch folgendermaßen: Je nachdem, welches Kind du bist, bekommst du bestimmte Eigenschaften zugeschrieben und wirst von deiner Außenwelt auch so wahrgenommen.

Wenn du aber 100 Menschen die Aufgabe gibst, Vorurteile über bestimmte Geschwisterpositionen aufzuschreiben, wirst du dich wundern, wie viele unterschiedliche Antworten du erhältst, weil jeder seine eigenen Erfahrungen mit einfließen lässt und dementsprechend andere Vorstellungen hat.

Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, beschrieb die einzelnen Positionen der Geschwisterrangfolge folgendermaßen und jahrzehntelang wurde dies durch Studien und Fachliteratur gestützt:

1. Das Einzelkind

kennt keine Konkurrenzsituationen, bekommt, was es will und ist daher egozentrisch, altklug, will immer im Mittelpunkt stehen
Vorteile: ungeteilte Aufmerksamkeit und Fürsorge, sodass sie meist erfolgreich und intelligent werden
Nachteile: keine Wettbewerbssituationen gewohnt, müssen sich im Leben außerhalb der Familie neu behaupten

2. Das Älteste

organisiert, kritisch, ernsthaft, verlässlich, gelehrt, weniger kontaktfreudig und introvertierter, meist sehr ehrgeizig
Vorteile: Anerkennung, Aufmerksamkeit von den Eltern
Nachteile: Druck, hohe Erwartung, psychische Probleme im späteren Leben

3. Das Sandwichkind

weniger verwöhnt als Erstgeborenes, Friedensstifter, konfliktscheu, unabhängig, geringes Leistungsstreben, gesellig, Freigeist
Vorteile: hohe Sozialkompetenz, starker Gerechtigkeitssinn
Nachteile: Druck von verschiedenen Seiten, haben nicht das Gefühl etwas besonderes zu sein

4. Das Jüngste

Nesthäkchen, unselbstständig, manipulierend & charmant, manchmal geistesabwesend und rebellisch
Vorteile: soziale Intelligenz und gesunder Menschenverstand
Nachteile: können nicht ohne andere Menschen existieren

Und – stimmen die Vorurteile?

Das Vorurteile meistens nicht stimmen wissen wir auch aus anderen Bereichen des Lebens. Jeder von euch kann jetzt selbst entscheiden, welchen der oben gemachten Aussagen er zustimmt und welchen nicht. Das interessante ist nun allerdings: Übereinstimmungen mit den Vorurteilen sind tatsächlich nur zufällig.

2015 wurde ein Artikel von der Universität Mainz und der Universität Leipzig veröffentlicht, in dem eine Masse von Daten aus Deutschland, den USA und Großbritannien auf Regelmäßigkeiten untersucht wurde.

Ich traf Julia Rohrer, die Erstautorin des Artikels „Examining the effects of birth order on personality“ und sprach mit ihr über die Ergebnisse.

Julia Rohrer
Julia Rohrer: International Max Planck Research School on the Life Course, DIW Berlin & University of Leipzig

Die wohl größte Erkenntnis ist jene, dass die Geburtenrangfolge tatsächlich keinen Einfluss auf unsere Persönlichkeit hat und die Vorurteile daher nicht belegt werden können.

Bei dem Thema Intelligenz kann man einen geringen abnehmenden Trend entdecken, vermutlich dadurch bedingt, dass die Eltern bei dem ersten Kind noch mehr Zeit haben, es zu fördern und bei der Entwicklung zu unterstützen.

Aber hieße das nicht, dass Einzelkinder dann noch klüger sein müssten, weil sie immer individuell gefördert werden? Das kann Julia mir auch beantworten. Es konnten nämlich nur geringfügige Abweichungen in der Persönlichkeit von Einzelkindern zu jenen mit Geschwistern festgestellt werden.

Irgendwie unbefriedigend, wenn Vorurteile nicht bestätigt werden, oder? Aber eigentlich ist es merkwürdig, dass es solche Ergebnisse bereits seit den 70er Jahren gibt und sich dennoch an der Wahrnehmung der Geschwisterpositionen nichts geändert hat. Vielleicht kann das ja auch mit diesem Post geändert werden 😉

Eine kleine Anmerkung noch: eine Generalisierung der Ergebnisse auf alle Teile der Erde ist natürlich nicht möglich, da sich die Entwicklung in verschiedenen Kulturkreisen unterscheiden kann.

Die Big Five

Jetzt mal an’s Eingemachte: Wie bist du? Wie sind deine Geschwister? Tragt ihr die „typischen“ Charakterzüge für eure Rolle in der Familie oder weicht es bei euch von den Stereotypen ab?

Nach dem Fünf-Faktoren Model, auch genannt „BIG FIVE“ oder „OCEAN-Modell“ existieren fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit:

  • Offenheit für Erfahrungen (Aufgeschlossenheit),
  • Gewissenhaftigkeit (Perfektionismus),
  • Extraversion (Geselligkeit),
  • Verträglichkeit (Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie) und
  • Neurotizismus (emotionale Labilität und Verletzlichkeit)

Die Persönlichkeit eines Menschen kann sich auf einer Skala dieser fünf Faktoren einordnen.

Auf dieser Seite kannst du kostenlos einen Online Test machen, wie dein Charakter in diesen Dimensionen aufgeteilt ist.

Also habe ich den Test natürlich gemacht. Und ich habe ihn Julia gezeigt und gebeten anhand dessen herauszufinden, welches Kind ich in der Rangfolge von dreien bin. „Da kann ich nur raten“ ist ihre Antwort, natürlich im Hinblick auf die Forschungsergebnisse und die Erkenntnis, dass es keine Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und Rangfolge gibt.

Mein Big Five Testergebnis
Mein Big Five Ergebnis

Tatsächlich sind meine Ergebnisse ambivalent: Ich bin kein klassisches, älteres Kind nach den gängigen Vorurteilen. Obwohl mein Ehrgeiz und analytische Denkfähigkeit dafür spricht, bin ich auch stark extravertiert und gesellig. Ich denke immer mehr, dass wirklich alles Zufall ist und frage mich…

Was ist es dann, was unsere Persönlichkeit am meisten beeinflusst?

Julia kann mir auch hier weiterhelfen und erklärt mir, dass dazu größtenteils vier Faktoren gehören:

  1. genetische Veranlagung
  2. geteilte Umwelteinflüsse (jene, die wir mit unseren Geschwistern teilen wie Erziehung, sozialer Status etc.)
  3. nicht-geteilte Umwelteinflüsse (jene, die wir nicht mit unseren Geschwistern teilen wie unterschiedliche Freundeskreise, Hobbies)
  4. individuelle Persönlichkeitsentwicklung im Verlauf des Lebens

Das finde ich interessant, denn es bedeutet, dass der Einfluss der Familie vielleicht geringer ist, als ich immer gedacht habe. So wie ich es verstehe, unterscheidet uns von unseren Geschwistern hauptsächlich die Genetik (zu einem gewissen Prozentsatz zumindest) sowie nicht-geteilte Umwelteinflüsse.

Geteilte Umwelteinflüsse sind jene nichtgenetischen Faktoren, die zur Ähnlichkeit von Geschwistern beitragen, da sie gleichermaßen Auswirkungen auf alle Kinder haben. Die Persönlichkeitsentwicklung ist ebenfalls etwas, das – mal früher, mal später – bei jedem stattfindet. Mit der Zeit wird man in der Regel zum Beispiel offener für neue Erfahrungen, allgemein extravertierter.

Genetik spielt ebenfalls vor allem bei dem Punkt Extraversion eine Rolle, sagt Julia. Darin liegt beispielsweise unser Temperament begründet. Ebenso unsere Intelligenz ist genetisch veranlagt.

Also bin ich letztendlich bei nicht-geteilten Umwelteinflüssen angekommen. Diese unterscheiden uns am meisten von unseren Geschwistern und haben dementsprechend wohl den größten Anteil daran, wie wir werden.

Darüber schreibe ich aber andermal einen anderen Blogbeitrag und führe weitere Recherchen für euch durch. Heute wollen wir ja darüber sprechen, wie unsere Geschwister uns beeinflussen.

Macht der Altersunterschied und das Geschlecht etwas aus?

Aus meinem persönlichen Umwelt kann ich sagen, dass die meisten Geschwisterpaare, die ich kenne, die sich nicht gut verstehen, Schwestern sind, die relativ nah aneinander sind vom Altersunterschied.

Bei meinen Recherchen bin ich auch auf einen Artikel gestoßen, der 1997 vom Max-Planck-Institut veröffentlich wurde. Darin heißt es, dass „[die Analysen] einen signifikanten Effekt des Altersabstands und Geschlechts des nächstälteren Geschwisters [ergaben]“. Laut dieser Studie hätten ältere Schwestern einen positiven Effekt auf jüngere Geschwisterkinder, besonders Brüder. Dabei sei ein Altersabstand von 4 Jahren jeweils optimal, um die individuellen Entwicklungen zu begünstigen.

Aber diese Ergebnisse sind 20 Jahre alt. Kann das dann immer noch relevant sein?

Julia meint, dass es durchaus positiv für jüngere Geschwister sein kann, einen gewissen Abstand zum älteren Kind zu haben. Der einfache Hintergrund ist der, dass Eltern ihre Aufmerksamkeit aufteilen müssen und diese Ressource natürlich begrenzt ist. Wenn man zwei Kinder im Kleinkindalter hat, ist es schwierig, sich auf beide zu konzentrieren. Meist wird dem älteren Kind daher beispielsweise mehr vorgelesen als dem zweiten.

Aber vermutlich ist das auch alles wieder nur Zufall. Meine Mutter und ihre Geschwister sind jeweils nur ein Jahr auseinander, aber könnten nicht herzlicher miteinander umgehen oder einander näher stehen. Vielleicht ist dieser geteilte Umwelteinfluss, dass wir ein inniges Geschwisterverhältnis vorgelebt bekommen haben, der ausschlaggebendere Punkt dafür, wie gut das Geschwisterverhältnis zwischen mir und meinen Brüdern ist – viel mehr zumindest, als der Altersunterschied an sich.

Wie bestimmen Geschwister unsere Berufswahl?

Jetzt wird es nochmal richtig interessant, denn die Berufswahl ist etwas, das wir selbst bestimmen. Wir suchen uns etwas aus, das wir für den Rest unseres Lebens machen möchten.

Aus den Medien kennen wir viele Geschwisterpaare, die den selben Beruf haben. Die Williams-Schwestern, Coen-Brüder, die Hemsworths, die Jonas Brothers, die Kardashians (definiere: Beruf ;)) und und und.
Im ZEIT Magazin las ich erst kürzlich einige Beispiele von Geschwistern, die gemeinsam Firmen gründen. Es scheint so etwas also auch im echten Leben zu geben.

Laut Theorie und der Arbeit von Herrn Adler arbeitet das älteste Kind häufig im naturwissenschaftlichen, medizinischen oder juristischem Bereich. Überall dort also, wo Perfektionismus und Konzentrationsfähigkeit gefordert ist. Die jüngeren Kinder machen daraufhin meist etwas komplett Konträres, um sich abzugrenzen.

Letzteres ist eine Aussage, die ich sogar verstehen kann. Trotz der oben genannten Beispiele aus Promi-Kreisen. Es macht Sinn, dass wir uns in einem Geschwistergefüge differenzieren wollen, um als unterschiedliche Individuen wahrgenommen zu werden.

Die Konkurrenzsituation um die Aufmerksamkeit der Eltern hat man schon von Natur aus, da möchte man sich nicht auch noch beruflich messen müssen.

Auch darüber habe ich mit Julia gesprochen und sie bestätigt diese Annahme. Die Entscheidung wird ja von uns selbst getroffen und kann daher nur bedingt als Einflussfaktor gesehen werden. Vermutlich eher als logische Konsequenz des Geschwisterdaseins.

Hier kann man also auch wieder keine Regelmäßigkeit erkennen. Oder ist es vielleicht so, dass wir uns etwas ähnliches bzw. unterschiedliches aussuchen, je nach dem wie nah wir dem Geschwisterkind stehen? Wenn keine Konkurrenz unter den Kindern aufkommt, machen wir dann eher etwas Ähnliches?

Die Untersuchung dessen würde ich nochmal sehr interessant finden, allerdings kann ich leider keine Erhebungen dazu finden. Sollte da jemand von euch Erfahrungen haben, gebt mir gern Bescheid und dann starte ich eine eigene relevante Erhebung 😉

In der Industrie kann man übrigens beobachten, dass Topmanager häufig die ältesten Geschwisterkinder sind. Was das nun wieder zu bedeuten hat und ob das nur mit der Intelligenz oder dem Verantwortungsbewusstsein zu tun hat, ist wieder offen für Diskussionen.

Lassen wir uns auch bei der Partnerwahl beeinflussen?

Roland Kopp-Wichmann vom Persönlichkeits Blog hat darüber einen sehr interessanten Beitrag geschrieben und darin seine Erfahrungen aus der Arbeit mit Paaren einfließen lassen.

Ihm zufolge sind Beziehungen zwischen zwei Erstgeborenen eher konfliktreich, da keiner von beiden gewohnt ist, sich unterzuordnen. Anders ist es beispielsweise zwischen Erst- und Letztgeborenen. Eine jüngste Schwester sucht die Stärke eines ältesten Bruders ebenso wie ein Nesthäkchen die Führung durch eine große Schwester braucht.

Zudem gibt es noch die Vermutung, dass die Mittleren am ehesten Beziehungsmenschen und daher unglücklich mit dem Singledasein sind. Dadurch, dass sie praktisch nie allein gelebt haben (im Gegensatz zum Erstgeborenen oder Letzten), fällt es Ihnen schwer, ohne eine Bezugsperson in ihrem Leben zu existieren.

Wenn ihr wollt, recherchiere ich auch dazu nochmal etwas und schreibe einen separaten Post darüber, nach welchen Kriterien wir uns (statistisch gesehen sowie subjektiv beurteilt) unseren Traumpartner aussuchen.

Zusammenfassend muss ich fast sagen, dass ich ein bisschen enttäuscht von den Ergebnissen bin. Die längste Beziehung unseres Lebens. Irgendeinen Einfluss muss das doch auf uns haben. Zumindest konnte ich herausfinden, dass die gängigen Vorurteile nicht zeitgemäß sind und wir uns nicht dahinter verstecken können.

Mein Auftrag ist nicht, Lösungen anzubieten. Ich habe nur die Einflussfaktoren angeschaut und einen kleinen Überblick gegeben über das, was uns und unsere Geschwister bestimmt.

Niemand soll sich dadurch angegriffen fühlen oder gar seine Eltern beschuldigen. Ich denke nur – und das trifft auf alle Lebensbereiche zu – dass man, wenn man sich selbst versteht, eher reflektieren kann, sich weiter entwickelt und über sich hinaus wächst. Dass man vielleicht an eigenen Unzulänglichkeiten arbeitet und entspannter erwachsen werden kann.

Erzählt mir gern, was ihr darüber denkt. Habt ihr Geschwister und fühlt euch mit diesen ganz besonders verbunden?

 

Liebe Grüße,

Laura

 

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