Lessons Learned: Berufsausbildung


Karriere, Leben / Freitag, November 17th, 2017

Grafik: Lessons Learned - Berufsausbildung

Meine Ausbildung zur Hotelfachfrau begann ich mit 17 direkt nach dem Abi. Jeder, der schon einmal gekellnert oder als Hostess gearbeitet hat, kann nachvollziehen, dass das kein Zuckerschlecken war.

Der Umschwung von der Schule zur Arbeit in der Gastronomie war besonders krass. Ich hatte zuvor schon auf dem Weihnachtsmarkt ausgeholfen aber die tägliche Arbeit ist immer noch etwas ganz anderes.

Ich habe in diesen Jahren wichtige Lektionen für’s Leben gelernt, die ich jetzt mit euch teilen möchte.

Lektion 1: Den Feierabend schätzen und nutzen

Die Erschöpfung eines (körperlich) harten Arbeitstages lernt man auf ganz andere Weise auszugleichen. Im Gegensatz zu heutzutage, wenn ich aus dem Büro nach Hause komme und erst mal Emails checke und nebenbei Netflix anwerfe, habe ich den Feierabend damals mehr zu schätzen gewusst, aktiver Ruhephasen genutzt und die Freizeit in vollen Zügen genossen.

Da habe ich mir genug Zeit genommen für ein ausgiebiges Bad, habe mehr gelesen und mich auch mal unter der Woche zum Frühstück mit Freunden getroffen, die auch im Schichtbetrieb arbeiten.
Nicht, dass ich mir diese Dinge heutzutage nicht mehr ab und zu gönne. Aber dennoch gestatte ich mir die aktive Erholung nicht mehr so sehr, wie zu Zeiten, in denen ich Blasen an den Füßen hatte und der Rücken schmerzte. Weil ich mir unterbewusst sage „du warst ja nur am Schreibtisch heute, also musst du den Rest des Tages noch etwas machen“.

Auf der anderen Seite habe ich dafür jetzt mehr Zeit und Energie um den Sport auszuüben, den ich mir aussuche. Klar, die Zeit geht mir von meiner Freizeit ab, wohingegen ich das Training bei einer körperlicher Tätigkeit schon während der Arbeitszeit erledige aber dafür kann ich etwas tun, das mir Spaß macht. Nach einer 12-Stunden Schicht im Restaurant noch zum Zumba zu gehen wäre undenkbar gewesen. Heute kann ich es mir leisten, mir auszusuchen, wie ich Bewegung in meine Freizeit integriere und dabei Freude und Ausgleich erreichen kann.

Lektion 2: Freunde für’s Leben

Egal ob Ausbildung oder Studium, sobald man beruflich einen Weg einschlägt, begegnet man dabei Menschen, die die selbe Wahl getroffen haben und mit denen du allein dadurch schon etwas gemein hast. Ich möchte sogar sagen, dass sich in bestimmten Berufsfeldern Menschen mit ähnlichen Eigenschaften und Charakteren zusammen finden.

Während der Schulzeit war man von Früh bis Spät mit seinen Freunden zusammen und hat meistens noch in die Freizeit zusammen verbracht. Daher waren Freundschaften in einem neuen Umfeld für mich besonders wichtig.

In meinem Ausbildungsbetrieb waren außer mir noch ca. 15 weitere Azubis aus verschiedenen Lehrberufen. Dazu studentische Aushilfen, Praktikanten und weitere Mitarbeiter in ungefähr meinem Alter. Wenn man mit so vielen Menschen täglich zu tun hat, stehen die Chancen ganz gut, dass jemand dabei ist, mit dem es nicht nur von den Interessen passt sondern mit dem man auch persönlich auf einer Wellenlänge liegt.

Das Duale System der Berufsausbildung in Deutschland ist für mich der wahre Grund, weshalb mir die Ausbildung insgesamt in positiver Erinnerung geblieben ist. Immer gern erinnere ich mich an die Berufsschulzeit zurück. 2 Wochen alle 8 Wochen war das ein Urlaub mit Freunden, ohne dass man Urlaubstage dafür nehmen musste.

Im Gegensatz zur Uni fällt dabei (zumindest bei uns) das Eigenstudium weg, sodass du in den 2 Wochen wirklich Zeit für dich und deine Freunde hast, viel feiern gehen und immer noch Kraft tranken kannst.

Zwei Freunde, die sich dort in der Ausbildung kennen gelernt haben, sind mittlerweile verheiratet und haben eine wundervolle Familie. Ohne die Ausbildung und die harte Arbeit, die zusammen schweißt, wäre das Happy End vermutlich nicht so schnell Realität geworden.

Lektion 3: Körperliche Arbeit vs. geistige Arbeit

In dieser Sache bin ich wirklich oldschool und klinge wie die Generationen vor uns. Aber körperlich harte Arbeit muss man mal erlebt haben. Mein Vater würde sagen „Da weiß man, was man geleistet hat“. So sehe ich es in einer gewissen Weise auch, jedoch mit dem Zusatz, dass man es nicht sein Leben lang machen kann und muss.

Jetzt habe ich einen Bürojob und bewege mich bei der Arbeit nur noch zur Kaffeemaschine und Toilette (in direktem Zusammenhang). Ich fühle mich abends teilweise sogar noch ausgelaugter als zu Zeiten in der Gastronomie. Einfach dadurch, dass man mehr sitzt, wird man auch träger. Dadurch dass man sein Gehirn mehr anstrengt, arbeitet es abends auch etwas langsamer.

Daher muss ich rückblickend sagen, dass körperliche Tätigkeiten einem natürlich einiges abverlangen aber man es nicht von der Anstrengung her unter oder über einer sitzenden Tätigkeit einordnen kann. Jeder muss für sich selbst die Arbeit finden, die besser zu einem passt.

Lektion 4: Lernen, was ich will und was nicht

Ich kann jetzt sagen, dass ich niemals wieder im Hotel arbeiten möchte, weil es einfach nichts mehr für mich ist. Vielen anderen aus meinem Lehrjahr ging es aber ganz anders, die ihre Bestimmung darin gefunden haben.

Was ich daher mitgenommen habe ist, wo meine Stärken und Interessen liegen:
Kommunikation, besonders mit schwierigen Kunden. Schnelle Auffassungsgabe. Interesse für Fremdsprachen und andere Kulturen.

Für diese Dinge muss ich nicht in der Gastronomie arbeiten. Ich dachte mir, dass ich auch auf einem anderen Karriereweg meine positiven Eigenschaften einbringen kann.
Dafür wusste ich auch, dass ich danach nicht mehr wollte: Ausführen statt Mitgestalten. Schichtarbeit. Gäste übertrieben bemuttern.

Es ist gut, zu wissen, was man will und was nicht. Nur so kann man dann auch den Job oder die Karriere finden, für die man eine richtige Leidenschaft hat und sein Potential voll ausschöpfen kann.

Lektion 5: Durchhaltevermögen

Es ist ein gutes Gefühl, etwas beendet zu haben. Einen Schein, in der Tasche, für den man hart gearbeitet hat. Allerdings nur, wenn man es wirklich wollte und dabei Spaß hatte.

In meinem Fall muss ich rückblickend sagen, dass der Abschluss der Ausbildung nicht unbedingt notwendig gewesen wäre. Ich arbeite jetzt nicht mehr in diesem Bereich. Danach habe ich jahrelang weiter in der Gastronomie gearbeitet, neben dem Studium und zwischen den Festanstellungen, aber den Abschluss hätte ich dafür nicht benötigt.

Nach dem ersten Ausbildungsjahr bekam ich eine chronische Magenschleimhautentzündung, die auf den Stress und die viele Arbeit zurückzuführen war. Mittlerweile kann ich damit umgehen aber ich hätte mir diese Erkrankung auch gern erspart.

Andererseits fehlt vielen Jugendlichen heutzutage vermutlich genau das Durchhaltevermögen, was benötigt wird um den Charakter zu stärken und im echten Leben zu bestehen.
Ich denke nicht, dass es immer der richtige Weg ist, etwas durchzuziehen, was einem keine Freude bereitet, nur damit man es beendet hat.

Wenn wir ehrlich sind, ist der Abschluss einer ungeliebten Aufgabe nur gut für das eigene Selbstwertgefühl. Das Wissen: „Ich habe mich durchgequält aber ich habe es geschafft! Ich bin stark und kann alles schaffen.“

Vertrauen in die eigenen Stärken ist gut, daher muss man sich auch manchmal überwinden und Grenzen überschreiten.

Fazit: Berufsausbildung vs. Studium

Die Zahl der Studienanfänger steigt stetig und gleichzeitig suchen Ausbildungsbetriebe aller Gewerke händeringend Nachwuchs, deshalb

Klar, dass niemand mehr eine Ausbildung machen möchte, weil man wenig Geld verdient und dafür durch eine harte Schule gehen muss. Das Studium lockt da doch eher mit vermeintlichem Nichtstun, Parties und Ansehen in der Familie.

Nur weil man Abitur hat, heißt das ja nicht, dass man dringend eine akademische Laufbahn einschlagen muss. Dass die Uni allerdings nicht für jeden das Richtige ist, ist noch nicht ganz in das Bewusstsein von jedem vorgedrungen.

Teilweise verdienen meine Freunde, die eine Handwerk gelernt haben, mittlerweile viel mehr als ich nach Ausbildung und Studium.

Während der Berufsschulzeit hatte ich wie erwähnt teilweise sogar mehr Spaß und Zeit als während des Studiums. Den Anteil an Heimarbeit darf man nämlich nicht unterschätzen. Wobei das natürlich auch darauf ankommt, wie viel Interesse man denn an guten Noten hat.

 

 

Dies soll kein Plädoyer Für oder Gegen eine Berufsausbildung sein. Ich möchte nur meine Erfahrungen mit euch teilen, was ich daraus gelernt habe und heute vielleicht anders oder genauso machen würde.
Hat jemand vielleicht ähnliche Erfahrungen mit einer Ausbildung gemacht? Oder genau gegensätzliche?
Lasst es mich gern in den Kommentaren wissen.

Alles Liebe,
Eure Lauri

 

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