Über das gesunde Maß an Ehrlichkeit


Freunde & Familie, Karriere, Leben & Lieben / Freitag, Dezember 29th, 2017

Oder: wie ehrlich ist zu ehrlich?

Grafik mit dem Titel Wie ehrlich ist ehrlich genug oder wie ehrlich ist zu ehrlich?

Ich habe mal den Spruch gelesen „Du musst nicht alles erzählen. Es reicht schon, wenn du nicht lügst“ und konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. Macht uns das unterdrücken von ehrlicher Kritik zu einem besseren Menschen? Einem besseren Freund? Oder genau dem Gegenteil?

In diesem Post gehe ich der optimalen Ehrlichkeits-Dosis auf den Grund – im Freundeskreis, in der Partnerschaft, der Familie, am Arbeitsplatz und vor sich selbst.

Ehrlichkeit gegenüber Freunden

Wenn man zu seinen Freunden nicht ehrlich sein kann, zu wem denn sonst? Dafür sind Freunde ja schließlich da. Manchmal denke ich allerdings darüber nach, wo hier die Grenzen sind.

Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Kritik zu der Erzählung einer Freundin herunterschlucke, weil ich ihren Standpunkt nicht nachvollziehen kann oder mir beim Anblick ihrer neuesten Shopping Errungenschaft auf die Zunge beißen muss. Aber nicht, weil man Freunden gegenüber keine unangenehmen Wahrheiten aussprechen sollte. Sondern weil es Unterschiede darin gibt, zu wem man ehrlich sein kann und zu wem nicht.

Ehrlichkeit gegenüber wahren Freunden vs. Bekannten

Ich kenne Leute, die ich zwar mag, aber bei denen jedes Gespräch in einer Debatte ausartet weil wir so unterschiedliche Ansichten haben. Das ist ab und zu ganz gut und interessant, aber in der Nähe dieser Menschen fühle ich mich nicht super wohl, es ist nicht mühelos und leicht.

Wir suchen uns meistens Freunde aus, die uns in irgendeiner Art und Weise ähneln und mit denen wir aufgrund dessen harmonisieren (siehe dieser Post über wichtige Freundschaften und wie man sie hält). Wenn man sich also nicht immer widerspricht, weil man in der Regel den selben Geschmack hat, ist es nicht problematisch, die ehrliche Meinung über die Croptop Obsession der Freundin mitzuteilen.

Wie gesagt: Solange es nicht überhand nimmt und dann als ständiges „Rummäkeln“ empfunden wird. Das kann eine Freundschaft auf Dauer belasten.

Ehrlichkeit sollte nicht verletzen – und wenn doch, muss es offen kommuniziert werden!

Auf jeden Fall sollte man es einer Freundin sagen, wenn sie einem gegenüber zu ehrlich war oder die Kritik einen persönlich getroffen hat. Einfach damit man es aus der Welt schafft und die Freundschaft dadurch nicht geschädigt wird. Jeder hat die Grenzen woanders und daher muss man darüber sprechen.

Vielleicht mit einer Ausnahme – nämlich dem Partner. Was tun, wenn die Freundin super in love ist, man selbst aber den Mann ganz schrecklich findet? In dem Fall würde ich sagen: abwarten und Tee trinken. Vielleicht schätzt man ihn falsch ein und durch die offene Kritik säht man einen Samen des Zweifels, der die Beziehung kaputt macht. Letztendlich kennt sie ihren Partner besser als ein unbeteiligter Dritter.

Wenn es allerdings um Gewalt in der Partnerschaft geht oder man merkt, dass die Freundin wirklich unglücklich ist, kann man auch den ehrlichen Rat geben, den Mann abzuschießen.

Ehrlichkeit gegenüber dem Partner

Kommunikation ist der Schlüssel zu jeder gesunden Beziehung. Aber das muss nicht unbedingt bedeuten, dass man alle schmutzigen Geheimnisse aus der Vergangenheit offenbart oder wirklich jede Kritik, die einem auf der Zunge liegt, sofort anspricht.

DAS GEHT:

  • alles über den Charakter, Vorlieben, Interessen preisgeben (gilt auch für: eigene Schwächen!)
  • ehrliche Meinung zu Äußerlichkeiten oder Marotten (den Haarschnitt muss die andere Person schließlich nicht so häufig im Spiegel sehen wie du, wenn du ihn anschaust) – ob sie dann umgesetzt werden oder nicht
  • Gefühle gegenüber dem anderen offen aussprechen – beispielsweise wenn der andere einen mit seinem Verhalten gerade vor den Kopf gestoßen oder verletzt hat!

DAS GEHT GAR NICHT:

  • bei wichtigen Beziehungsfragen lügen oder ausweichen – es bringt niemandem etwas, wenn man jahrelang in einer Beziehung ist und sagt, man könne sich schon vorstellen irgendwann Kinder zu haben, nur damit man zusammen bleibt, auch wenn man das eigentlich gar nicht möchte
  • etwas über Ex-Partner und das vorherige Sexleben en Detail erzählen
  • über Freunde des Partners lästern, selbst wenn man sie nicht ausstehen kann

Wenn man sich mit jemandem aus dem Bekannten- / Freundeskreis des Lebensgefährten unwohl fühlt, kann man das übrigens schon mitteilen. Dann kann dein Partner darauf Rücksicht nehmen und Treffen mit der Person allein arrangieren. Aber nur schlecht über den Freund oder Bekannten zu sprechen, ist dann nicht ok.

Ehrlichkeit gegenüber den Eltern

Jeder hat natürlich eine andere Beziehung zu seinen Eltern und dementsprechend erzählt man ihnen auch unterschiedliche Dinge.

Meiner Mutter habe ich in unserem gemeinsamen Urlaub erstmals erzählt, was ich früher (im Alter von 13 bis 16) am Wochenende gemacht habe, wenn sie dachte, ich schlafe bei einer Freundin.

Im Nachhinein betrachtet weiß ich nicht, ob das so gut war aber ich bin trotzdem froh, dass ich ihr gegenüber komplett ehrlich sein konnte.

Vor Eltern kann man schon Geheimnisse haben, denke ich. Wenn es nichts betrifft, das ggf. gefährlich sein könnte (wie ein Hobby, wovon man weiß, dass die Eltern nicht einverstanden wären oder die Mitgliedschaft in einer politischen Vereinigung) – dann sollte man in den sauren Apfel beißen und es einfach hinter sich bringen.

Wenn wir uns in ihre Lage versetzen würden wir ja auch wollen, dass unsere Kinder ihre Interessen mit uns teilen oder?

Was übrigens ein absolutes No-Go ist (meiner Meinung nach): Mit Eltern über Sex sprechen. Pfui, pfui.

Ehrlichkeit am Arbeitsplatz

Bei der Arbeit hast du die Möglichkeit, diejenige/derjenige zu sein, der du sein möchtest. Du kannst das über dich preisgeben, wovon du willst, dass die anderen es sehen. Du kannst dich so kleiden und geben, wie du wahrgenommen werden willst. Mit Ehrlichkeit hat der Arbeitsplatz daher für mich nicht viel zu tun.

Vorgesetztenverhalten

Meist ist es eher so, dass ein freundschaftliches und gänzlich offenes Verhältnis zu dem Vorgesetzten einem eher schadet. Den aktuellen Stand der Familienplanung oder den wahren Grund des letzten Jobwechsels sollte man im Bewerbungsgespräch vielleicht nicht direkt anbringen.

Deinen unmittelbaren Kollegen gegenüber kannst du natürlich sein, wie du möchtest. So wie du bist. Oder so wie dein Arbeits-Ich ist. Die Lache etwas leiser, das Make-Up etwas eleganter oder die Arbeitsweise etwas strukturierter als das Privatleben.

Kollegen = Freunde?

Letztendlich verbringt du mit deinen Kollegen etwa die Hälfte der Zeit, die du pro Tag wach bist. Gegenüber engen KollegInnen ist es daher nur schwer möglich, eine Rolle zu spielen. Dennoch sollte man, auch bei einem engen Verhältnis, nicht alle Karten auf den Tisch legen.

Als ich mal gefragt wurde, woher ich 10-Finger tippen kann, habe ich ehrlicherweise geantwortet, dass ich in meiner Jugend nächtelang bei MSN gechattet habe und deshalb einfach schnell schreiben kann. Ein Kollege machte daraufhin eine etwas abfällige Bemerkung und ich wusste, dass alle sich mein 15-jähriges Nerd-Ich am Computer ohne Freunde vorstellten. Dass es in Wahrheit nicht so war, ist dabei natürlich unerheblich, der Gedanke war schon in ihren Köpfen.

War diese Anekdote jetzt zu ehrlich? Nun, das könnt ihr selbst entscheiden. Ich habe heutzutage für mich beschlossen, Berufliches und Privates möglichst zu trennen. Bei der Arbeit bin ich nett und erzähle auch gern von meinem Wochenende, der Wohnungssuche oder dem Urlaub aber meine Vergangenheit, Beziehung, politische Einstellung sowie beruflichen Bestrebungen lasse ich lieber außen vor.

Ehrlichkeit vor sich selbst

Wir denken wahrscheinlich, dass wir uns selbst gegenüber immer ehrlich sind. Unsere Gedanken können wir schließlich nicht steuern. FALSCH. Das können wir und das tun wir. Wie oft hören wir schon wirklich auf unser Unterbewusstsein und das Bauchgefühl?

Ich glaube schon, dass wir in mancher Hinsicht ziemlich selbstkritisch mit uns sind (vor allem beim Thema Aussehen) aber das heißt nicht, dass wir uns ab und zu nicht selbst nicht belügen.

Ehrlichkeit muss nicht immer negativ sein

Wir stehen vor dem Spiegel und wenn unser erster Gedanke tatsächlich „Super siehst du heute aus“ ist, bekommen wir fast ein schlechtes Gewissen über unseren Hochmut und negieren es gleich wieder mit einem gezwungen Gedanken wie „allerdings fehlen noch 5kg bis zum Traumkörper“ oder „die Haare werden aber auch lichter“. Warum tun wir uns das an?

Am besten sind wir ehrlich zu uns selbst, ob wir nun etwas positives oder negatives zu sagen bzw. zu denken haben. Wie können wir denn anderen gegenüber ehrlich sein, wenn wir es vor uns selbst gar nicht schaffen?

Höre auf deine Intuition, vernachlässige nicht dein Bauchgefühl und lass deinen Gedanken freien Lauf.

Was die sexuelle Orientierung angeht, bin ich übrigens der Meinung, dass es niemals gut ist, das vor irgendjemandem (und erst recht nicht sich selbst) zu verstecken. Selbst wenn man Angst vor den Reaktionen der Umwelt hat, bringt es nichts, sich selbst zu verleugnen.

Tatsächlich wähle ich jetzt abschließend ein Zitat von Arnold Schwarzenegger (that’s a first!), um diesen Artikel abzuschließen: „Ich war immer ehrlich was meine Schwachpunkte angeht und das hat mir geholfen zu wachsen. Ich denke es ist der Schlüssel zum Erfolg in jedem Gebiet: sei ehrlich; wisse wo du schwach bist [und] gib es zu.“

Wie seht ihr das, wobei sollte man bedingungslos ehrlich sein und womit sollte man lieber hinterm Berg halten? Schreibt es mir gern in die Kommentare.

Liebe Grüße
Eure Laura

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